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Das falsche Motiv

Das heutige Thema ist das falsche Motiv: man macht das Foto interessanter, indem man einen Blickfang mit hinein nimmt, der für sich allein genommen, eigentlich uninteressant ist. Dieser Trick funktioniert besonders gut bei Straßenszenen und "Touristen"-Fotos.

Das falsche Motiv fällt unter das allgemeinere Konzept vom "Zentrum des Interesses". Ich möchte hier als geübter Historiker vom Detailierten zum Allgemeinen gehen. Deshalb können Sie dies als Lektion über das Zentrum des Interesses ansehen, auch wenn sie von einem etwas außergewöhnlichen Standpunkt aus angegangen wird.

Stellen Sie sich ein klassisches Touristen-Foto vor. Es enthält normalerweise ein beeindruckendes Gebäude in der Mitte des Ausschnitts (diejenigen von Ihnen, die die erste Lektion gelesen haben, sollten es inzwischen besser wissen!). Der unternehmungslustige Tourist wird sich in aller Frühe während der Morgendämmerung auf den Weg zur Sehenswürdigkeit machen, um noch vor der Menge da zu sein.

Obwohl solche Fotos dazu benutzt werden können, um den Daheimgeliebenen zu zeigen, wie zum Beispiel Notre Dame in Paris ausgesehen hat, sind sie meist fotografisch gesehen ziemlich uninteressant. Es sind Fotos von beeindruckenden Dingen, nicht beeindruckende Fotos von Dingen. Der Betrachter wird eher sagen "Wow, das ist eine eindrucksvolle Kirche!" anstatt "Wow, was für ein schönes Foto!".

Erinnern Sie sich an die Liste der Blickfänge aus der Lektion über Vereinfachung? Einige der Dinge ziemlich weit oben waren:

  • Augen
  • Gesichter
  • Personen
  • Tiere

Der Grundgedanke hinter dem falschen Motiv ist, dass Sie einen Blickfang mit ins Foto nehmen und es so aufbauen, als ob Sie ein Foto vom Blickfang machen wollten. In Wahrheit ist es Ihre Absicht, ein Foto von der Umgebung zu machen – vom Hintergrund, den einrahmenden Elementen und so weiter.

Der Blickfang muß nicht notwendigerweise etwas wirklich Interessantes sein. Trotzdem kann der Bildaufbau um den Blickfang herum dazu führen, dass der Rest der Umgebung im Foto dadurch an den richtigen Platz rückt.

Hier ist ein Foto einer beeindruckenden Strukur, aus dem das falsche Motiv entfernt wurde. Daneben sehen Sie es, wie es tatsächlich fotografiert wurde:

(Selbstverständlich bietet das Foto etwas zusätzlich Interessantes, wenn Sie die fraglichen Personen kennen, aber selbst wenn nicht, sieht das Foto mit den Personen besser aus, finde ich.)

Es ist ein bisschen wie das, was J.R.R. Tolkien auf literarische Weise tut. Der wirkliche Kernpunkt bei Herr der Ringe ist Mittelerde. Frodo ist eigentlich ein ziemlich sanftmütiger Charakter, aber die Konzentration auf ihn gibt dem ganzen Rest der Welt Perspektive und lässt sie aufleben. Wenn es keinen Frodo gegeben hätte, hätte es keinen Kernpunkt in diesem Buch gegeben ... und wenn Frodo ein aufsehenerregender, heldenhafter Supermann-Charakter gewesen wäre, hätte er das Interesse des Lesers von dem weggeführt, worum es im Buch tatsächlich geht.

Mit anderen Worten, wenn Sie Fotos von interessanten Dingen machen, rate ich Ihnen: Versuchen Sie nicht Personen, Tiere oder ähnliches herauszuhalten. Sondern versuchen Sie sie zu nutzen. Bauen Sie das Foto um sie herum auf. Die meiste Zeit werden die Fotos dadurch sehr viel besser sein: Sie haben damit Humor, Leben, Maßstab, Bewegung, Zusammenhang oder eine Kombination dieser Dinge integriert.

Das falsche Motiv und Straßenfotografie

Nachfolgendes ist meiner Meinung nach die Krux bei vielen sehr guten Straßenszenen. Die Leute in der Szene können ganz gewöhnlich sein und ganz gewöhnliche Dinge tun. Das Wichtigste ist der Standort. Das Foto ist der Hintergrund und das "Motiv" fällt auf ... aber ohne es, wäre das Foto einfach nichts besonderes.

Hier ist eine Straßenszene ohne "falsches Motiv":

Und hier, wie es tatsächlich aufgenommen wurde:

Natürlich schadet es nicht, dass in diesem Fall das falsche Motiv sehr fotogen war. (Es hat sich mit Glück zufällig ein gutes Foto ergeben: Sie kam gerade aus der Bäckerei heraus, als ich das Foto gemacht habe. Und nein, meine Frau war nicht begeistert davon, nicht auf dem Foto zu sein, aber sie hat mir vergeben.)

Einige Dinge, an die Sie denken sollten, wenn Sie den Trick mit dem falschen Motiv anwenden:

  1. Jeder Blickfang kann als falsches Motiv verwendet werden, aber Personen, Tiere und Blumen sind besonders gut geeignet
  2. Wenn Ihr falsches Motiv fotogen ist, umso besser ... solange es nicht die gesamte Aufmerksamkeit für sich beansprucht.
  3. Ein Foto von jemandem, der in die Kamera blickt ist selten geeignet. Das führt dazu, dass das falsche Motiv aufgeklebt und unnatürlich ausssieht, etwas besonderes ist und nicht zur Szene gehört und außerdem zieht es zu viel Aufmerksamkeit auf sich.

Mit anderen Worten, das falsche Motiv sieht idealerweise natürlich aus: Das Objekt scheint sich der Kamera nicht bewusst zu sein.

Wir haben bereits einige Fotos mit falschen Motiven in dieser Lektion gesehen. Ruan's Amphitheater ist meiner Meinung nach ein ausgezeichnetes Beispiel. Entfernen Sie sich von der Menge und warten Sie bis der Reiseleiter weg ist, und Sie haben ein gekonnt aufgenommenes Foto einer Sehenswürdigkeit, das Sie allerdings getrost vergessen können. Mit den Personen haben Sie Leben, Bewegung, Spannung und Witz – einen guten Kandidaten für den möglichen Gewinn eines Foto-Wettbewerbs.

Hier ist nochmal eins ... ohne Motiv:

Und mit Motiv:

Aufgaben

  1. Machen Sie das umgekehrte, was ich gemacht habe: Nehmen Sie ein uninteressantes Foto einer interessanten Szene und machen Sie das Foto interessanter, indem Sie einen Blickfang einfügen, den Sie aus einem anderen Foto mit einem Bildverarbeitungsprogramm herauskopiert haben. Sorgen Sie sich nicht um die technische Qualität – sowas ist ziemlich schwer in vernünftiger Qualität zu bewerkstelligen. Stattdessen sehen Sie es als Übung an, zu lernen auf welche Elemente Sie achten sollten, wenn Sie das nächste Mal bei einer solchen "Szene" sind.
  2. Gehen Sie aus Ihrem Haus auf die Straße hinaus. Fotografieren Sie einige Straßenszenen, wobei Sie das Prinzip des falschen Motivs anwenden. Präsentieren Sie Ihre Fotos und erläutern Sie sie.

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